Ulrike Steglich
Asbestalarm!

Wie die Stadt zum Hasenbrot wurde


„Berlin braucht eine Gründerzeit mit Markanz und Brutalität.” (Hanno Klein, Referatsleiter und Investorenbetreuer in der Senatsbauverwaltung, 1991)

Touristenschiffe schaukeln über die Spree, vorbei am schönen neuen Berlin. Kanzleramt, Regierungsviertel, Hauptbahnhof mit halbem Dach. In Höhe des Marx-Engels-Forums bestaunen die Berlin-Besucher vom Sonnendeck aus eine spektakuläre, halb demontierte Ruine. Doch keiner der sonst so routiniert dozierenden Stadtbilderklärer auf den Schiffen verliert ein Wort über sie. Vielleicht, weil es zu kompliziert wäre zu erklären, was hier vor sich geht. Warum in Berlin ein erst 30 Jahre altes Gebäude abgerissen wird, über das man in London, New York oder Tokio sprach, das weltweit als Symbol deutscher Geschichte galt und das zuletzt — nurmehr ein Beton- und Stahlskelett — international als der aufregendste Kulturort der Stadt gefeiert worden war.

Es war wie selbstverständlich das Ostberliner Zentrum zwischen Alexanderplatz und Schlossplatz, das sich die Demonstranten im Herbst 1989 einfach nahmen. Der Palast der Republik, von den Ostlern bis dato bespöttelt wie genutzt, wurde plötzlich zum hochpolitischen Ort: Wo sich noch zum 40. Jahrestag der DDR die Apparatschiks abgeschottet hatten, zogen am 4. November 500.000 Demonstranten vorbei, hier stellten sie ihre Protestplakate und Transparente aus. Am 18. März 1990, dem Tag der ersten freien Volkskammerwahl, drängelten sich Hunderte internationaler Kamerateams, Presse- und Medienvertreter im Foyer. Hier beschloss die Volkskammer den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik — um das Gebäude anschließend fluchtartig zu verlassen: Asbestalarm! Die neue Berliner Gründerzeit begann.

Noch tummelten sich auf dem Potsdamer Platz die Hasen und wurde auf dem Polenmarkt im einstigen Niemandsland getrödelt, da war das Areal schon für ein Hasenbrot verscherbelt. Politiker der seit 1991 regierenden schwarz-roten Koalition und Investoren kriegten vor Aufregung rote Köpfe: Hauptstadtbeschluss! Regierungsumzug! Ost-West-Drehscheibe! Olympia 2000! Und all die schönen Grundstücke, die plötzlich von der Rand- zur 1a-Lage geworden waren ? Die spekulativen Wachstumseuphorien nahmen regelrecht wahnhafte Züge an: Man phantasierte von 5 Millionen Einwohnern und Hunderttausenden zusätzlicher Quadratmeter Büro- und Handelsflächen, die angeblich benötigt würden, für all die großen Konzerne, die nun nach Berlin kämen. Besondere Fürsorge galt dabei dem Ostteil der Stadt - vermeintliches „Pionierland”, das jede Menge Potential und Betätigungsfelder bot: als Immobilien-, Absatz-, Privatisierungs- und Arbeitsmarkt. Plötzlich schien alles möglich: Sogar die Gründung einer eigenen Bankgesellschaft traute sich das Land Berlin zu, Entwicklungsgesellschaften wurden aufgelegt, die letztlich nur eines produzierten: immense Kosten.

Feuchte Investorenträume und die Metropolen-Ambitionen des etwas überforderten Senats (nicht wenige Koryphäen waren diskret von der westdeutschen Provinz in der ungeliebten neuen Hauptstadt entsorgt worden) ergaben eine fatale Allianz: Nicht nur, dass die Stadt Anfang der 90er eine rasante Deindustrialisierung zu verkraften hatte — neben den Arbeitsplätzen verschwanden vor den Augen der verdutzten Bewohner plötzlich auch Straßennamen, Denkmäler, Parks, Spuren der Berliner Mauer, Gebäude, ganze Industrieareale von der vertrauten Stadtkarte. Schneller als man gucken konnte, waren das Lindencorso, das Stadion der Weltjugend, Checkpoint Charlie, das Außenministerium oder der alte Zentralviehhof geschreddert und - ganz en passant - Dutzende denkmalgeschützter Altbauten abgerissen. Dafür wurden den Berlinern unverdrossen immer neue hochfliegende Planungen und Architekturwettbewerbe um die Ohren gehauen: Regierungsviertel! Hochhausgewitter am Alexanderplatz! Neue Urbanität am Potsdamer Platz! Historisierende Sofakissen auf dem Pariser Platz! Die Friedrichstraße wurde in Nullkommanichts auf Luxuszone im neuen Stimmann-Style getrimmt (steinerne Investorenkühlschränke mit maximaler Grundstücksauslastung, die die Straße auf klaustrophobische Enge zusammenschnurren ließen) -, derweil ein Hamburger Kaufmann namens Wilhelm von Boddien schon mal seine Schlossfassaden-Phantasien in Plastikfolie auf dem Schlossplatz zusammenfrickelte — direkt vor dem stillgelegten Palast der Republik, dessen Abriss ungeachtet aller Debatten schon so gut wie beschlossen war. Zeitweise wirkte die Stadt wie ein überdimensionierter Buddelkasten, in dem die Möchtegern-Chefplaner munter mit Sandburgen experimentierten.

Doch ging die von Hanno Klein angekündigte Gründerzeit nicht nur mit Brutalität, sondern vor allem mit bemerkenswerter Unfrohheit und Ignoranz einher: All die spaßigen Rotunden, Info-Boxen und „Schaustellen”, mit denen die Insassen über den ihnen bevorstehenden Anstaltsumbau belehrt wurden, all die hübschen Euphemismen und Superlative (gern schwärmte man von Kran-Balletten und der „größten Baustelle Europas” am Potsdamer Platz) konnten kaum darüber hinwegtäuschen, dass die Ansichten der Bevölkerung eher als Störfaktor empfunden wurden. Das Anfang der 90er vom damaligen Stadtentwicklungssenator installierte „Stadtforum” als Ort der öffentlichen Debatte verkam bald zur Alibiveranstaltung mit ein bisschen Beteiligungstouch fürs Fußvolk, dafür hohem pädagogischen Wert. Insbesondere die Ostberliner, die gerade eben ihre Lust an Partizipation und demokratischer Teilhabe entdeckt hatten, fanden sich unvermittelt auf den Bänken einer Klippschule wieder. Gern teilte ihnen Senatsbaudirektor Hans Stimmann mit, dass sie im Grunde „abartig” gelebt hatten: all diese Plattenbauten mit überflüssigem Abstandsgrün, und dazu noch die Datschen.

Mit besonderer Inbrunst widmeten sich die Hauptstadtcowboys der Ostberliner Moderne. Die klassischen Bauten der 60er und 70er, die offenen Plätze und großzügigen Räume schienen bei ihnen geradezu physischen Ekel hervorzurufen: Das denkmalgeschützte „Ahornblatt” des weltweit geschätzten Architekten Ulrich Müther wurde „kritisch rekonstruiert” (also trotz aller Proteste umstandslos abgerissen und durch einen stupiden Riegel ersetzt); öffentliche Räume, deren Zustopfen etwas länger dauern könnte, wurden vorsorglich diskreditiert und verbal zur Abschussreife gebracht: der Alexanderplatz „zugig”, geradezu der „Vorhof der Mongolei”, der Schlossplatz ein „Windkanal” und „Acker historischer Denkmäler”, auf dem „viele die Grenzen ihrer seelischen Belastbarkeit längst erreicht” hätten. Insbesondere der Schlossplatz wurde zur Projektionsfläche der Repräsentationsphantasien: hochgejazzt zum „Herz der Republik”, gar zum „identitätsstiftenden Ort” für 80 Millionen Bundesbürger. Machte ja nichts, dass der in Berlin so heiß umstrittene Schlossplatz für Münchner oder Bottroper ungefähr so wichtig war wie ein Wall-Klo kurz vor der letzen Ausfahrt Friedrichshain.

Immerhin ging der Stadt nie der Gesprächsstoff aus: Bauskandale, windige Grundstücksdeals und Pannen ohne Ende sorgten für immer neue Nachrichten. Der durchschnittliche, von der öffentlichen Hand errichtete Berliner Neubau kostete in der Regel das Doppelte des ursprünglich Kalkulierten, wurde erst Jahre nach dem eigentlichen Termin fertiggestellt und funktionierte hinterher irgendwie nicht so richtig. Unterdessen wurde der Palast der Republik für den bevorstehenden Abriss asbestsaniert (natürlich doppelt so teuer und wesentlich länger als geplant) und bot ein immer traurigeres Bild. Schräg gegenüber riss man derweil das in den 70ern erbaute Palasthotel ab. Ein Taxifahrer murmelte: „Dit sieht hier aus wie im Bürgerkrieg.” Je weiter man von Berlin wegkam, desto mehr Kopfschütteln erntete man bei dem Versuch, das Geschehen zu erklären. Im Ausland verstand man sowieso nicht, warum Berlin so vehement versuchte, sich des Interessantesten zu entledigen, das es zu bieten hatte: seiner jüngeren Geschichte, seiner Vielschichtigkeit und Disparatheit.

Dass es um viel mehr als um bloße Planungs- und Architekturdebatten ging, wurde spätestens bei der Präsentation des „Planwerks Innenstadt” auf einem „Stadtforum” Ende 1996 deutlich, die vor so großem Publikum eigentlich gar nicht vorgesehen war: Monatelang hatten die Planer im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hinter strikt verschlossenen Türen an einem Masterplan gebastelt, der die Innenstadt wieder auf den barocken Grundriss der Vorgründerzeit zurückbeamen sollte. Und deshalb waren sie nicht eben amüsiert, als die Vorabveröffentlichung der Pläne durch taz und scheinschlag eine Menge streitlustiger Bürger auf den Plan rief, auf deren Anwesenheit die Masterplaner wohl lieber verzichtet hätten. Doch alle verbale Zuckerwatte wie „Identität”, „Urbanität”, „historische Rekonstruktion” oder „Stadtreparatur” konnte nicht verbergen, worum es wirklich ging: um Deutungsmacht, um die Sehnsucht nach einer idyllischen, „heilen” Stadt, die sich nicht länger „stadträumlich im verschlissenen Unterzeug seiner Teilungsgeschichte darstellt” (Klaus Hartung in der ZEIT) - mithin um das Schmirgeln von Geschichte. Aber nicht nur die Bauten der Moderne beispielsweise an der Leipziger Straße waren aus Sicht der Planwerker falsch — die Bewohner waren es offenbar auch. Sie waren auch gar keine Bürger mehr, sondern lediglich „rechthaberische Basis”, wenn nicht gleich der „Ossi-Zoo” (SPIEGEL). Heiß herbeigesehnt wurde dagegen der „neue Stadtbürger”, auch „Urbanit” getauft, eine Art Promenadenmischung aus weltläufig flanierendem Bourgeois und Häuslebauer.
Das Planwerk war tatsächlich eine „Kampfansage”, wie seine Autoren es selbst intern tituliert hatten: eine Kampfansage an die real vorhandene Stadt. Es propagierte Zentralismus statt der gewachsenen Berliner Polyzentralität, Repräsentation und Machtgehabe statt aushandelnder Demokratie, Segregation und Abschottung statt wirklicher Urbanität, verstanden als soziales Handeln. Die Planwerksdebatten ließen alle Auseinandersetzungen der 90er in der Frage kulminieren, wem eigentlich die Stadt gehört: den Politikern, Investoren, Planern? Oder ihren Bewohnern?

Man muss schon viel Widerwillen und Misstrauen gegen eine Stadt, ihre Geschichte und ihre Bewohner entwickeln, um mit solchem Gestus nach ihr zu greifen. Doch den Bilderkampf gegen die Wirklichkeit kann man nur verlieren. Es war ein fast tragischer Moment, als Senatsbaudirektor Hans Stimmann Ende der 90er von Demographieexperten vernehmen musste, das weit und breit keine wohlhabenden Urbanitenschwärme in Sicht seien, sondern vor allem Migranten auf der Suche nach Jobs. Die ratlose Frage, wer denn dann seine Planwerksbauten bevölkern sollte, mochte ihm niemand mehr beantworten.

Der Kater nach dem Metropolenrausch war gewaltig. Die Olympiaträume waren bereits 1993 peinlich gescheitert, als Erinnerung blieben riesige städtische Brachen. Der große Boom fand nicht statt. Ende der 90er brach der Berliner Immobilienmarkt zusammen, der Leerstand von Büros, Geschäften und Wohnungen war enorm. Die Stadt driftete sozial auseinander, „aufgewerteten” Wohlstandsinseln standen immer mehr sogenannte „Problemquartiere” gegenüber, in denen Arbeits- und Perspektivlosigkeit wuchsen und denen die Stadt nun mit Quartiersmanagements beizukommen suchte. Der Bankenskandal hatte das ohnehin schon hoch verschuldete Berlin an den Rand der finanziellen Katastrophe gebracht. Nicht bezifferbar hingegen war der immense Schaden, den die politische Debattenkultur in der Stadt erlitten hatte. Ignoranz, Größenwahn, Zensur, dreiste Lügen, gekaufte Claqueure, verleumdete, mundtot gemachte oder geschasste Kritiker — nichts war ausgelassen worden.

Ironie der Geschichte: Als die Stimmung in der Stadt auf dem Nullpunkt war, erlebte ausgerechnet die berühmteste Berliner Ruine ein furioses Comeback - der längst totgesagte, inzwischen bis aufs Betonskelett reduzierte Palast der Republik. Das war weniger Zufall denn bezeichnend: Eine junge, pragmatische Generation setzte den nostalgischen Luftschlössern der Altherrenriege ihre eigene Vorstellung von Urbanität entgegen und ertrotzte eine kulturelle Zwischennutzung. Der Palast rockte, die Schlangen vorm Eingang nahmen rekordverdächtige Ausmaße an. Von New York bis Paris sprach sich die legendäre Attraktion herum, schrieben Zeitungen begeistert über die temporäre Kunsthalle.

Es hat den Senat, der ansonsten so sehr um internationales Renommee buhlt, nicht daran gehindert, den Abriss zu exekutieren. Sie planen an diesem Ort jetzt übrigens eine temporäre Kunsthalle. So lange, bis Wilhelm von Boddien die seit 15 Jahren versprochenen 80 Millionen Euro Spendengelder für die Schlossattrappenfassade eingesammelt hat (das könnte allerdings dauern). Einfacher wäre es natürlich, die alten Schlossfassadenplanen auszukramen und über die Palastreste zu hängen, aber pragmatische Kompromisse waren ja noch nie Berlins Stärke. Immerhin sind kaum noch Klagen über den jetzt noch zugigeren Schlossplatz zu vernehmen — vielleicht, weil inzwischen nicht nur im Osten ein rauer Wind weht. Oder weil Aussicht auf ein kuscheliges Schlosseckchen besteht. Derweil bestaunen die Touristen weiter ratlos die Ruine, die ihnen keiner erklären mag.
„Würde”, „Hauptstadtwürde” war eine der Lieblingsvokabeln der Planwerksstrategen. Wenn derzeit in diesem Laden überhaupt irgendetwas Würde ausstrahlt, dann sind es die Überreste des Palastes der Republik. Am Ende hatte er mehr geschlossene Jahre im Westen erlebt als belebte Jahre im Osten, still unendliche ideologiebeheizte Debatten über sich ergehen lassen — und war trotzdem einfach ein vielseitig nutzbares Gebäude, das — wenn man das wissen wollte — viel über deutsch-deutsche Geschichte erzählen konnte. Zum Abschied ziehen wir tief den Hut vor einem Ort, der ursprünglich nicht Heimat war, aber eine wurde.
Impressum