Ulrike Steglich
In der Ackerhalle

Ein Paralleluniversum zu den Hackeschen Höfen


Tommi sitzt auf dem Boden der Eingangsschleuse zur Ackerhalle. Gelegenheit, zusammen eine Zigarette zu rauchen und nach Neuigkeiten zu fragen. Tommi hat jetzt statt einem zwei Hunde. Die liegen da, dösen und sind harmlos wie zu groß geratene Welpen. Sonst gibt es nichts Neues. Tommi ist etwa zwanzig, wird gemeinhin als Punk bezeichnet und hatte zusammen mit anderen, ebenso Jungen und noch Jüngeren einen arschkalten Winter lang in einem leerstehenden Haus gewohnt, um das seit Jahren ein Abrißstreit tobte. Irgendwann im letzten Sommer rückten Polizeibeamte aus dem benachbarten Revier an, um zwei der zeitweiligen Bewohner zu suchen. Wegen Lappalien: Nicht bezahlte Schwarzfahrer-Strafgebühren etwa, die dann abgesessen werden müssen. Es waren nicht mehr viele in dem Haus. Einer, der gerade mit einem kleinen Hund zum Tierarzt wollte, mußte seinen Ausweis holen. Währendessen taumelte sein abgemagerter Schützling verloren zwischen den Uniformierten lang und zog ein dünnes, gelbliches, stinkendes Rinnsal über den Bürgersteig. Die Beamten sahen dem struppigen Bündel mit einer Mischung aus Ekel und Mitleid hinterher. Schließlich siegte bei einem die Tierliebe: Er fing an, dem Punk Ratschläge über Ernährung und Krankenpflege junger Hunde zu geben.

Junge Hunde

Tommi kommt nicht täglich, aber immer mal wieder an die Ackerhalle, meistens sitzt er an dem Ausgang zur Ackerstraße hin. Der Ort ist strategisch günstig zum Schnorren: „N bißchen Kleingeld“ haben die meisten, die herauskommen. Schon wegen der obligatorischen Mark im Einkaufswagen.
Am anderen Ausgang, dem zur Invalidenstraße, sitzen zwei Mädchen. Der Gegenwert für ein bißchen Kleingeld ist ein entwaffnendes Lächeln. Das mit dem Gegenwert stimmt nicht ganz: Das Lächeln kommt auch bei einer Absage. „Es ist ja okay, wenn jemand nichts gibt“, hat mal einer gesagt, „was nervt, ist, wenn sie dich nicht mal ansehen“.

Ein Stück weiter steht Walter*. Walter hält den Leuten die Tür auf, wie ein Portier am Eingang zu einem Nobelladen. Eine immer gleiche Bewegung, auch der Blick ist wie in Trance. Manche eilen durch die aufgehaltene Tür und schauen nicht hoch. Manchen, denen der Anblick neu ist, rutscht ein überraschtes Danke heraus. Walter ist ein Stoiker. Das Problem, vor dem er stand, als die Flügeltüren vor kurzem gegen sich automatisch öffnende Schiebetüren ausgetauscht wurden, hat er schnell und flexibel gelöst. Jetzt setzt er wie ein Zauberer mit einer kleinen Handbewegung die Automatik in Gang: Sesam öffne dich. Wer verliert schon gerne einen Job?

Macht Walter das mit der Tür, weil er nichts anderes zu tun hat, aber auch irgendwie nützlich sein will? Ein mögliches, eigentlich naheliegendes Motiv wird erst klar, als Rudi*, sein nicht so entrückter, etwas pragmatischerer Kumpel, auf die Punks schimpft. Die für nichts kassierten, während Walter trotz Türöffnen leer ausginge. Tatsächlich beläuft sich der Gegenwert für das Türöffnen fast auf Null. Das liegt nicht an den Punks, sondern eher daran, daß Walter stumm bleibt.

Daß Solidarität da unten üblich sei, ist naive Romantik. Konkurrenzdenken ist nicht nur eine Sache von Firmenbossen. Für die alteingesessenen Älteren, die durchs Netz fallen, sind die aus allen möglichen Ecken weggelaufenen Kiddies manchmal auch Blitzableiter.

Zwischen Trübsinn und Vertrautheit

Auf einen heruntergelassenen Rolladen außen an der Ackerhalle hat jemand gesprüht: Konsumiert mehr, dann lebt ihr weniger. Einem anderen fiel ein: … dann liebt ihr das Meer. An der Tür seufzt eine Frau, mit drei schweren Einkaufstüten kämpfend: So ist das mit drei Gören. Konsum?

Die Ackerhalle war früher eine klassische Berliner Markthalle. Etwas von diesem Charakter war auch noch zu DDR-Zeiten spürbar, wenn auch schon eine Kaufhalle eingebaut war. Drumherum gab es noch diverse Stände: Fisch, Eis, Obst und Gemüse, Kurzwaren, Handwerkerbedarf … Die seltsam-zwittrige Ausstrahlung zwischen Trübsinn und Vertrautheit änderte sich auch nicht, als über Nacht Westwaren die Regale füllten. Erst mit dem Umbau 1991 hatte die Ackerhalle ihre Wende. Zur Bolle-Eröffnung gab es Bratwurstdunst, Blasmusik und eine lange Schlange, und die Neugierigen rammten sich die überdimensionierten Einkaufsgefährte in die Hacken. Der Denkmalschutz sorgte für die allerletzte Erinnerung an eine Markthalle: geht der Blick nach oben, kann man sich das frühere Treiben zwischen den Backsteinfassaden, unter den eisernen Säulen- und Trägerkonstruktionen und dem durch das Glas fallenden Licht mit ein bißchen Phantasie noch vorstellen.

Siehtman frühere Markthallen als Konsum- und kommunikative Orte gleichermaßen, so sind die Funktionen jetzt getrennt. Der eingebaute Supermarkt – inzwischen nicht mehr Bolle, sondern Extra – ist eine schlichte Versorgungseinrichtung, in der man zwar Bekannten begegnet, aber ansonsten das Notwendige besorgt und basta. Ab und an bestaunt man flüchtig eine skurrile Werbeaktion: eine Kabeltrommel mit aufgerollten Würsten etwa. Aus den Neufünfländern.

Wie plattgepreßt vom sich breitmachenden Hier-gibt-es-fast-alles-Land findet sich an der Gebäudefront hinter den Kassen ein Mischmasch ergänzenden Handels: Zwei Vietnamesen verkaufen Klamotten; ein Schlüsselservice neben Waschmaschinen; Groschenromane und Schallplatten für drei Mark fünfzig; daneben Dessous und Pantoffeln; noch eins weiter ein schillernd-billiger Gemischtwarenladen – vom Sofabezug bis zu Batterien. Der obligatorische Ostrowski-Bäcker, Flaschenannahme, Lotto und Zeitungen.

Die Kommunikation ist mittlerweile an die Ackerhallen-Peripherie gezogen. Die dünne Frau, die fast schon zum Ackerhallen-Inventar gehört, hat ihren Lottoschein abgegeben und plänkelt vor der Tür mit Walter und Rudi. Kurti* ist auch da. Kurti steht – klein, weißhaarig, alt – in seinem blauen Dederonkittel und mit dem dreckigen Leinenbeutel vor der Tür und brabbelt, wie immer. Einen Kaffee lehnt er nicht ab und eine Zigarette auch nicht. Kurti nuschelt, und deshalb ist die Kommunikation nicht ganz einfach. Elli* ist ein Heim gekommen, erzählte er irgendwann. Elli wohnte bei Kurti im Vorderhaus, machte ihn immer mal an und konnte ohne Ende Geschichten über die Straße erzählen, in der sie schon ewig wohnte. Auch über die Ackerhalle. Es war spannend, ihr zuzuhören. Jedenfalls auf ihrem Balkon. Ihre Wohnung hatte Elli längst nicht mehr im Griff, der Geruch erinnerte an jenes Krankenpflegeheim mit dem miesesten Ruf in Ostberlin.

Weg ist auch die Frau, die vor der Ackerhalle die BZ verkaufte und mit der Kurti seinerseits immer ein bißchen flirtete. Klein, drahtig, dunkelhaarig, die Gesichtszüge fast wie gemeißelt - eine verwitterte, respekterzeugende Erscheinung, der nicht mal die alberne BZ-Mütze Abbruch tat. Manchmal verkaufte Kurti für sie weiter, wenn sie ein paar Besorgungen machen mußte.

Risiko drücken

In jenem Winter, als Tommi und die anderen Unterschlupf in dem leeren Haus fanden, standen Walter, Rudi und ein paar andere auch öfter tagsüber in dem kleinen Geldautomaten-Raum neben dem Eingang. Geldkarten hatte sie zwar keine. Dafür ein paar Dosen Bier. Gestört hat sich auch keiner daran. Nicht hier.

„Was - DA gehst du rein?“ Ein Student, nach der Wende zugezogen, ist entsetzt. Die Imbißstube gegenüber vom Sparkassen-Raum, die auch noch zur Ackerhalle gehört, ist für ihn und noch einige andere ein suspekter Ort. Dabei ist sie eigentlich eher ein Ort der sozialen Stabilität. Hier frühstücken Bauarbeiter Buletten und Spiegeleier (Baustellen gibt es genügend im Umkreis), trinken Rentner am Vormittag Kaffee oder Bier und schwatzen miteinander, ab und an leistet sich auch die Parkbankgemeinschaft von nebenan hier ein Bier, obwohl es aus der Büchse und der Ackerhalle weniger kosten würde. Hier essen die, die gerade ihren Wochenendeinkauf gemacht haben, schnell, billig und warm, und auch ein paar Ackerhallen-Angestellte im Jackett.
Der Raum ist klein, geräuschvoll und lebhaft. Zwischen Tischen, Abstellwagen, Tresen, Stammtisch, Spielautomaten, Küche, Klo, Werbeschildern und laufendem Fernseher bleibt wenig Platz. Spätestens nach dem dritten Besuch ist die immergleiche Bestellung und das Gesicht dazu bei den Frauen hinter der Theke registriert. Krach gibt es hier nicht. Was natürlich auch daran liegen kann, daß die Öffnungszeiten mit denen der Ackerhalle identisch sind. Aber entscheidender ist: man paßt auf komische Weise aufeinander auf.
„Wer machtn hier die Asche uffn Boden?“ Ein halbherziger Erziehungsversuch der Tresenfrau, die gerade Feierabend macht. Der alte Mann bleibt ungerührt: „Keener.“ Ihre Kollegin hilft ihm anschließend beim Zeitvertreib am Flipper: Risiko mußte drücken. Und jetzt Annahme. – Habickja. – So. Spiel weiter. Aber das mit der Asche stimmt. – Mach ick nachher weg.

Ein paar Schritte neben der Imbißstube wird umgebaut. Früher war das hier ein kleiner Pelzladen. Der Anblick des Ladens weckt die Erinnerung an Karl Schlögel, Professor an der Viadrina, und sein emphatisches Eröffnungsreferat zum Stadtforum, auf dem mit großem Paukenschlag das „Planwerk Innenstadt“ präsentiert wurde. Schlögel hatte über den Wandel osteuropäischer Städte referiert und dabei das „Ende der Stadt als staatliche Veranstaltung und die Wiedergeburt der Bürgerstadt“ gefeiert: „Banken, die zu Mensen und Museen umfunktioniert worden waren, werden wieder Banken; ein mondänes Pelzgeschäft, das zu einem Fischladen geworden war, wird wieder ein Pelzgeschäft“.

Na gut, mondän war der Laden nie. Jedenfalls ist er kurz nach Schlögels Vortrag eingegangen. Jetzt zieht dort ein Döner-Imbiß ein. Er heißt Multikulti.
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