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Ulrike Steglich
Hauptmann Fuchs

"Kleiner Tatort-Bruder": Die einst ostdeutsche Krimiserie "Polizeiruf 110" hat es inzwischen auf 300 Folgen gebracht


Die Typen von der Stasi hießen immer alle Müller, Meyer oder Schmidt. Und diejenigen, die in der DDR als schlau gelten sollten oder wollten, nannten sich Fuchs. Vermutlich fanden sie das witzig. Insofern war es kein Wunder, dass auch der oberste DDR-TV-Kriminalist Fuchs hieß.

Das Angenehme am DDR-Fernsehen war seine Überschaubarkeit. Es war so ordentlich und überschaubar, wie sich die Regierenden das ganze Land wünschten. Es sendete sehr lange nur auf einer Welle, erst Mitte der 80er kam ein zweites Programm dazu. Es gab das Sandmännchen, English for you, den Schwarzen Kanal, Telelotto, die Aktuelle Kamera, die samstägliche Flimmerstunde für Kinder, Turnsendungen. Und es gab zwei Krimireihen: „Der Staatsanwalt hat das Wort” und den „Polizeiruf”.
Das DDR-Fernsehen war eine Melange aus Unerträglichkeit und Wahrhaftigkeit. Die Unerträglichkeit schenkte uns Lebenszeit. Es gab wesentlich Interessanteres zu tun als den Schwarzen Kanal zu sehen. Doch in der Unerträglichkeit steckte auch die Wahrhaftigkeit. Hauptmann Fuchs war eine Erfindung. Aber eben auch eine, wie sie nur die DDR hätte erfinden können. Und die mehr über die DDR erzählte als die Aktuelle Kamera.

Vom DDR-Fernsehen blieb nach der Wende nicht viel übrig. Das Sandmännchen, um das Anfang der 90er gekämpft wurde wie um den Klassenfeind. Carmen Nebel und die selbsternannte singende Spreewaldgurke Achim Mentzel, die man in den Westsendern wohl für so was wie die Inkarnation der DDR hielt. Und der Polizeiruf überlebte. Als „Identifikationsangebot” für die Ostler.

Der Polizeiruf war wie die DDR. Alle Widersprüche, alle Facetten dieses komischen, tragischen, lächerlichen, in seiner Resistenz bemerkenswerten Landes steckten in dieser Serie, die 1971 startete. Kaum etwas spiegelte die alltägliche Absurdität besser als der „Polizeiruf”. Die offizielle Seite verkörperte vor allem Peter Borgelt als Hauptmann Fuchs. Fuchs zeichnete nichts aus als seine Bräsigkeit, seine ordentliche Frisur und die Treue zur DDR. Er war in seiner autoritären Biederkeit sozusagen die Inkarnation der offiziellen DDR und gleichzeitig eine tragische Gestalt. Hatte er überhaupt einen Vornamen außer „Oberleutnant” und später „Hauptmann”? Allerdings: Von Anfang an ermittelte auch ganz selbstverständlich eine Frau im Kollektiv mit: Sigrid Göhler spielte Leutnant Vera Arndt, die für einen neuen Fall auch schon mal den Familienurlaub sausen ließ und ihrem Mann die Kinder überließ. Ging es im Westen um Emanzipation, hieß das im Osten Gleichberechtigung und bedeutete, dass die Frauen Beruf und Kindererziehung unter einen Hut kriegten und trotzdem noch putzen durften. Dafür waren sie finanziell unabhängig. Und „blöde Kuh” durfte man auch noch sagen.

Die Büros der Polizeiruf-Ermittler wurden konsequenterweise meist in den Büroräumen des DDR-Fernsehens eingerichtet, das sparte Geld und Arbeit. DDR-Büros sahen sowieso alle ähnlich aus: Grünpflanze, Schrank, Tisch, Furnier. Keine Freude für die Szenenbildner. In den Büros saßen ansonsten jene Funktionäre, die praktischerweise nach den Dreharbeiten kurze Wege zur „Abnahme” hatten — eine Art Filmkontrolle auf politische Korrektheit. Es waren Leute, die sich gerne Fuchs nannten.

Und dann war da die andere Seite. Da waren Autoren, die den Mut hatten, über Dinge zu schreiben, die in den Nachrichten nicht vorkommen durften: Depressionen. Massenproduktion. Arroganz der Staatsgewalt. Bürokratie. Arbeit, die krank machte. Alkoholismus. Missbrauch. Es gab Regisseure, die den Mut hatten, den DDR-Alltag zu zeigen, und großartige Schauspieler, die sich nicht zu schade waren, vom Theater in den „Polizeiruf” zu gehen. Schauspieler wie Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe. Kameraleute, Szenenbildner, Kostümbildner, die um jedes einzelne Bild kämpften. Kurz: Leidenschaftliche Filmemacher. Diese Leidenschaft, geboren aus Wahrhaftigkeit und gepaart mit solidem Handwerk, machte die Serie trotz pädagogisch wertvoller Lehrhaftigkeit dann doch immer wieder so sehenswert.

Was in den Nachrichten nicht vorkam, kam durchaus im „Polizeiruf” vor. Gewiefte Autoren und Regisseure, die noch etwas wollten, bauten in ihre Filme vorbeugend „blaue Elefanten” ein: provokante Passagen, die eigens für die Zensur in die Filme zum Herausschneiden hineingefrickelt wurden, um von den wirklich kritischen Szenen abzulenken.
Während Leutnant Fuchs im offiziellen Jargon die DDR verteidigte, sprachen heimlich im „Polizeiruf” Autoren, Regisseure, Szenenbildner, Kameraleute mit uns, sie sprachen mit uns darüber, wie es um uns stand. Deshalb guckten wir das. Die Serie war in doppelter Hinsicht ein Spiegel. Sie zeigte uns, wie wir nach offizieller Lesart als anständige Bürger zu sein hatten. Und sie zeigte uns, wie wir waren. Sie zeigte Städte, wie sie waren und wie wir sie kannten. Der Laden rang um Ehrlichkeit. — Auch deshalb hat der Polizeiruf überlebt.

Selbst die Wende hat der „Polizeiruf” gespiegelt. Fuchs trat bald danach ab. Wie Honecker, Mielke und die anderen alten Männer. Es gehörte zur Wahrhaftigkeit. Der „Polizeiruf” ist mit sich ins Gericht gegangen. So, wie wir alle mit uns ins Gericht gehen mussten. Wir mussten uns fragen, was jetzt eigentlich passiert. Wie wir gelebt hatten, und wie wir eigentlich leben wollten. Auf dem Bildschirm sah man plötzlich Menschen, die auf die Straße gingen, und in die Menge prügelnde Volkspolizisten. Es war unfassbar: In einer Serie, die dazu da war, den Polizisten als den Guten, den Aufklärer darzustellen, umso mehr in der DDR, die den moralisch einwandfreien „Freund und Helfer” zeigen wollte, schlugen eben jene Polizisten auf Menschen los.
Vielleicht hätten wir den „Polizeiruf” dazu nicht gebraucht, die Wirklichkeit reichte ja. Aber er hat uns durch die Wende begleitet — und durch die „neue Zeit” in einem Land, das zwar blieb, wo es war, sich ansonsten aber komplett veränderte. In einem der schönsten Nachwende-Polizeirufe Anfang der 90er hieß es lakonisch: „Dorfanger? Der heißt jetzt Platz der deutschen Einheit.” Wir sind vor Lachen fast vom Stuhl gefallen.
Schöner konnte man die Sache nicht auf den Punkt bringen.

(erschienen in epd medien, März 2009)
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