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Ulrike Steglich
Wenn die Japaner kommen ...

Leinefelde, eine Kleinstadt im thüringischen Eichsfeld, reagierte bereits Anfang der 1990er Jahre auf die massiven Schrumpfungsprozesse. Nach der Wende war die industrielle Basis der Stadt weggebrochen, viele Bewohner zogen fort auf der Suche nach Arbeit, der Leerstand wuchs immer weiter. Die Stadt ging in die Offensive. Inzwischen gilt Leinefelde als experimenteller Vorreiter in Sachen Stadtumbau. Sogar ein japanischer Garten entstand.


Blauregen. Schattengrün. Japanische Azalee. Rot, Orange, Gelb, Braun, Ocker, Grün. Wer ahnungslos den Innenhof des Plattenbaukarrees in der Leinefelder Südstadt betritt, ist auf alles Mögliche gefasst: Müllhäuschen, Wäscheleinen, Spielplätze, bolzende Kinder. Alles mag man erwarten — bloß keine Exoten in herbstlicher Farbexplosion. Wasserläufer huschen über den Teich, zwischen Hügeln schlängelt sich der Weg zu einer Pergola. Steine und Pflanzen fügen sich kunstvoll zu einer sanften Landschaft. Es gibt nicht viele Städte, die einen Japanischen Garten haben. Ausgerechnet das kleine Leinefelde hat einen. Mitten zwischen den Fünfgeschossern des „Physikerquartiers”, zwischen Hahn- und Hertzstraße. Der Japanische Garten ist ein Juwel, Leinefelde ist stolz darauf.
Aber es ist still in dem Garten an diesem Vormittag — nur aus einem der vielen Fenster ringsum bellt HipHop. Niemand sitzt auf der Bank oder am Teich. Vielleicht liegt es am Herbstwetter. Feine Tröpfchen fallen auf die im Teich treibenden Blätter, man hört den Regen nicht. Nur an der Wasseroberfläche sieht man, wie er stärker wird.
Auch in der Bäckerei um die Ecke ist es leer. Der Bäckermeister holt frischen Kaffee aus der Backstube. Den Familienbetrieb gibt es schon über 100 Jahre. Der Meister selbst wohnt nicht hier, sondern in Worbis, das seit ein paar Jahren mit Leinefelde zusammengehört. Er sagt, er sehe selten Leute im Japanischen Garten. Schulklassen manchmal. Er selbst war auch noch nie drin. Warum nicht? Er zuckt mit den Schultern.
Frau S. hat sich mit ihrer siebenjährigen Enkelin Maria unter dem Vordach des Mieterzentrums untergestellt, der Beton wird immer nasser. Beide schauen durch den Zaun in den Garten. Seit ein paar Jahren wohnt Frau S. in einem der umgebauten Blöcke des Physikerquartiers. Von ihrer Wohnung blickt sie direkt auf den Garten und freut sich jeden Tag an ihm. „Das war die Idee des Bürgermeisters. Viele hier sind ihm dankbar für seine Ideen.”
Bürgermeister Reinhardt steht gutgelaunt in der Obereichsfeldhalle. Der Saal füllt sich, denn heute ist Leinefelde eine Station im „Land der Ideen”. So hieß im Jahr 2006 eine Initiative von Bundesregierung, deutscher Wirtschaft und Deutscher Bank. Aus über 1200 Bewerbungen hatte eine Jury 365 Orte gekürt, an denen „Ideen entstehen, entwickelt und gefördert werden”: Für jeden Tag des Jahres 2006 einen. An diesem 19. Oktober ist also Leinefelde mit seinem mehrfach preisgekrönten Stadtumbau an der Reihe: „Land der Ideen”. Eine Vertreterin der Deutschen Bank überreicht dem Bürgermeister die Trophäe. Gerd Reinhardt redet sich in Schwung, redet länger als geplant. Er erzählt, wie nach der Wende plötzlich die Arbeitsplätze verloren gingen, der Leerstand in der Südstadt wuchs und die Stadt zum geordneten Rückzug zwang. Und dass bei den ersten Abrissen Tränen flossen. „Aber die Bürger haben gewusst und gespürt, wo es hingeht.” Inzwischen sei Leinefelde wieder selbstbewusst, ein prosperierendes, lebendiges Gemeinwesen. Und er, Reinhardt, habe immer gesagt: „Wenn die Japaner kommen und fotografieren, dann haben wir es geschafft.” Die Japaner sind jetzt da. Immer neue Delegationen kommen in die Südstadt. Und manche sind sogar öfter hier zu Besuch. Wie Seiji Sawada von der Universität Tokio, der seit Jahren den Stadtumbau in Leinefelde verfolgt, weil Stadtumbau sogar in Tokio ein Thema ist. Nur dass die Probleme dort ein wenig anders liegen. Auch Dr. Sawada hält an diesem Vormittag eine Rede, spricht über Zusammenarbeit, gegenseitiges Lernen. Und über den Japanischen Garten. Als Symbol dieser Kooperation, das auch zur neuen Leinefelder Identität beitrage.

Japanische Blütenkirsche, Geißblatt, Scheinquitte. Purpur, Oliv, Ocker. Draußen, hinter dem Zaun des Gartens, hopst Maria durch die Pfützen. Ihre Oma erzählt, wie sie 1971 nach Leinefelde kam, wie so viele junge Leute damals, in den Sechzigern und Siebzigern, um im neuen Zementwerk oder in der Textilfabrik zu arbeiten, und für die die Südstadt gebaut worden war. Frau S. hatte eine Stelle bei der Wohnungsverwaltung. Auch sie musste in den Neunzigern aus ihrer alten Wohnung ausziehen, weil ihr Haus abgerissen wurde. Seitdem wohnt sie hier. Alles hat sich verändert. Das Physikerquartier gehörte zu den ersten Umbauprojekten. Man könnte sagen, dass Frau S. als Bewohnerin lebendiger Bestandteil eines der ersten Experimente war, wie man der Schrumpfung beikommen könnte und was mit den Plattenbauten anzufangen ist. Sie blickt heute auf den Innenhof, in dem zwei Blöcke abgerissen wurden. Von einem blieb lediglich das Erdgeschoss stehen — es ist eines der faszinierendsten Gebäude von Leinefelde. Die einstigen Treppenhäuser wurden zu Lichtschächten, die auf verblüffende Weise die Sonne in den Büroflur zaubern. Hier hat neben dem neuen Mieterzentrum jetzt die Wohnungsgesellschaft WVL ihren Sitz. Daneben, anstelle des abgerissenen Blocks, ist heute der Garten. Frau S. sagt, dass die Mieten immer noch niedrig sind, gottseidank, dass ihre Nachbarin von Hartz IV lebt und trotzdem immer noch freundlich sei. „Ich weiß nicht, wie sie das macht.”
Als Bürgermeister Reinhardt im Jahr 2000 einer Gruppe japanischer Architekten den Leinefelder Stadtumbau präsentierte und ihnen auch das umgebaute Mieterzentrum zeigte, gähnte neben dem Flachbau noch eine kahle Fläche. Der Architekt des Umbaus hatte die Reste der abgerissenen Wohnblöcke zu Kies schreddern und in der Mitte des Hofes ausbreiten lassen, um so die Freifläche als „Erinnerungsort” zu gestalten. Eine Bambuspflanze, mit der Mitarbeiter im WVL-Gebäude ihren Lichtschacht dekoriert hatten, brachte Dr. Sawada schließlich auf die Idee: Warum auf der kahlen Fläche nicht lieber ein japanischer Garten?
Der Bürgermeister, experimentiererprobt und ideenlustig, sagte sofort Ja. Mittlerweile war in Leinefelde kaum noch etwas undenkbar. Wer mit dem Rücken an der Wand steht, hat eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder er bleibt paralysiert dort stehen, oder er macht es wie Reinhardt. Die Flucht nach vorn antreten, unter dem Motto: „Das Beste ist für Leinefelde gerade gut genug.” Spielplätze, Bänke oder Grünflächen hatten sie überall. Warum also, anstelle nicht mehr benötigter Wohnungen, nicht einen japanischen Garten? Dr. Sawada nahm Kontakt zu einer japanischen Stiftung1 auf, die den finanziellen Gewinn der EXPO 1970 in Osaka weltweit in Projekte „zur Förderung japanischer Kultur” investiert. Nun also auch in dieser kleinen thüringischen Stadt. 2001 wurde der Grundstein gelegt, im Mai 2002 die Eröffnung gefeiert — mit japanischem Bier und Thüringer Rostbratwurst. „Der Garten ist auch eine Bühne für den Austausch beider Seiten auf Augenhöhe”, sagt Sawada nach dem Festakt, formvollendet.

Vor dem Japanischen Garten erklärt eine Tafel dessen Philosophie. „Das Veränderliche als Qualität der Unveränderlichkeit zu sehen, versinnbildlicht die Revitalisierung der Südstadt von Leinefelde. Hier bedeutet es den ressourcenschonenden Umgang mit Plattenbauten und die Wiederverwendung von Recyclingmaterial auch bei der Gestaltung eines japanischen Gartens.” Dem kleinen Landschaftskunstwerk dient das Schreddermaterial der abgerissenen Plattenbauten weiter als Untergrund. Unter Geißblatt und Japanischer Blütenkirsche liegen persönliche Wohngeschichten ebenso beerdigt wie sozialistische Aufbauideale. Leinefelde, so die planerische Strategie, zieht sich von den Rändern wieder auf den Kern zurück und gibt die leeren Flächen der Landschaft zurück. Das Schild erklärt: „Der japanische Garten wird nach der Philosophie des Zen komponiert. Er dient der Kontemplation und Meditation auf der Suche nach der inneren Wahrheit. (?) Die Orientierung bei der Planung liegt im Bild der ?geborgten Landschaft?.”
Roter Schlitzahorn. Tamarisken-Wacholder. Japan-Spiere. Der Regen hat aufgehört. Frau S. schaut durch den Zaun in den Garten, der noch immer leer ist, und erzählt von der Nachwendezeit. Von viertausend Arbeitsplätzen in der Spinnerei blieben zweihundert, von eintausendsiebenhundert im Zementwerk knappe hundert übrig. Arbeitslosigkeit, Wegzüge, Leerstand, schließlich der Stadtumbau. Leider, sagt sie, kommen angesichts der Situation zu wenige auf die Idee, sich auch mal über die neue Grünfläche zu freuen. Sie mag den Japanischen Garten, . im Sommer hat sie oft mit ihrer Enkelin davor gestanden, aber wenn man sie fragt, ob sie öfter drinnen ist, verneint auch sie. Vielleicht hat das mit dem Zaun zu tun. Der ist solide und stählern, beim Design hat man sich etwas gedacht: Der wellenförmige Abschluss der Gitterstäbe korrespondiert mit den Kurven der Wege und Hügel. Es knarzt leise, wenn man eine Münze in den Schlitz einwirft und den Mechanismus in Gang setzt. Der Garten ist nur durch ein eisernes Drehkreuz zu betreten, gegen 20 Cent. Mal hat man kein Portemonnaie dabei, mal hat man Einkaufstüten in der Hand, sagt Frau S. entschuldigend. Also geht man wieder nicht rein. Oder nur, wenn Besuch kommt. Um die Sehenswürdigkeit zu zeigen.
Die Sehenswürdigkeit liegt da wie ein UFO, das aus exotischer Ferne einschwebte, nachdem die heimische Arbeit verschwunden war. Mehrere Wege führen zum Zaun, enden aber abrupt vor den Gitterstäben. Sie sind ein Indiz, dass ein Zaun ursprünglich gar nicht vorgesehen war. Das sagt auch Petra Franke, die Quartiersmanagerin für die Südstadt. Aus ihrem Büro im WVL-Flachbau sieht sie täglich auf den Garten. Aber die Stadt hat sich damals für den Zaun entschieden, als schon in der Nacht vor der Einweihung Sträucher geklaut worden waren und Kinder dort mit ihren Fahrrädern kurvten. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Stadt hat nichts gegen Fahrrad fahrende Kinder, sagt Petra Franke. Aber im Rathaus nahm man nun an, dass die Bürger erstmal zum sorgsamen Umgang mit Juwelen erzogen werden müssten. Deshalb der Zaun. Ein Schild am Eingang weist vorsorglich darauf hin, was hier nicht erwünscht ist: Fahrräder, Inlineskater, Skateboards, Hunde, das Verlassen der Wege, das Betreten der Wasseranlage, Steinewerfen, das Pflücken von Pflanzen. Ganz offensichtlich respektieren die Anwohner das Juwel — als Sehenswürdigkeit, die man seinen Gästen zeigt. Der Garten, sagt Frau S., ist immer wunderbar gepflegt.

Am „Tag der Ideen” gibt es Führungen durch Leinefelde, die geladenen Gäste besichtigen die Ergebnisse des Stadtumbaus. Petra Franke zeigt den Herren Sawada und Kawamura die neuen Stadtvillen, das Soziale Zentrum, ein Einfamilienhaus, das gerade aus Plattenbauresten errichtet wird, die katholische Bonifatius-Kirche. Und eine Wohnung, die mit lauter typischen Gegenständen jener Zeit zu einer Art Mini-DDR-Museum ausgestattet wurde. Den Japanischen Garten brauchen sie nicht zu besichtigen, den kennen beide bestens. Kazuhisa Kawamura ist Architekturprofessor in Köln und hat den Garten entworfen. Er lobt den Bürgermeister als „tatkräftig”. Sie hätten hier ja auch einen Stadt- oder Nutzgarten anlegen können. Kawamura wollte den Zaun nicht, heute sei er hin- und hergerissen: Gestalterisch sei das zwar durchaus gelungen, aber eben doch eine Barriere. Sawada fügt diplomatisch hinzu, dass in seiner Heimat Zäune um Gärten nicht üblich seien. „Japan ist eine offene Gesellschaft.” Danach schweigt er. Inzwischen schließt der Pfarrer die Kirchentür auf. Auch katholische Kirchen sind heutzutage nicht mehr jederzeit frei zugänglich.

Kontemplation, Meditation, innere Wahrheit. Austausch auf Augenhöhe. Es ist immer noch leer in der Bäckerei. Der Meister macht nicht viele Worte, und die, die er macht, klingen müde. Nach der Wende hat er sich für seine Innung und in der Kommunalpolitik engagiert, in derselben Partei wie der Bürgermeister. Er hat drei Kinder großgezogen, einige Filialen betrieben, etliche Angestellte beschäftigt. Es war eine turbulente Zeit. Inzwischen hat er die Politik kennen gelernt, sagt er, ebenso wie die neue Bürokratie und die Preise, die die Konzernketten verlangen, wenn er in deren Supermärkten einen Backstand betreiben will. Er hat sich immer mehr zurückgezogen und immer weniger Illusionen. In der Bäckerei ist es so still wie im Japanischen Garten. Überhaupt, fällt einem plötzlich auf, ist es in Leinefelde ziemlich still.
Es gibt preisgekrönte, fast vollständig vermietete Stadtvillen, erneuerte Quartiere und viel Grün, sanierte Kitas und Schulen, das neue Jugendzentrum; es gibt einen Autobahnanschluss und Gewerbegebiete, viele rührige Vereine und eine „Leinefelder Tafel” für die Bedürftigen; die soziale Infrastruktur ist vorbildlich, es gibt ein Quartiersmanagement, Stadtjugendrunden, eine Kiezzeitung und alljährlich ein Südstadtfest. Sogar einen Japanischen Garten gibt es. Mehr konnte eine Gemeinde im schrumpfenden Osten nicht tun. Die junge, energische Quartiersmanagerin hat Bewohnerbefragungen auf dem Tisch, von 1996 und 2001. Sie kennt das Quartier, die Zahlen, die Bewohner. In nur zwölf Jahren hatte Leinefelde ein Drittel seiner Einwohner verloren. 2001 war der Anteil der Haushalte mit geringem Einkommen auf über vierzig Prozent gestiegen, lag die Arbeitslosigkeit in der Südstadt bei rund zwanzig Prozent, vor allem Männer waren betroffen. Es gibt immer weniger Kinder, dafür steigt die Zahl der Älteren, der Rentner, Vorruheständler und der Singles. In der Studie von 2001 stehen Sätze wie: „Der Prozess der sozialen Differenzierung, der bereits 1995 absehbar war, ist weiter voran geschritten.” Oder: „Der überwiegende Teil der Südstadtbewohner ist unzufrieden mit der instabilen Arbeitsmarktsituation und sieht in der Sicherung bzw. Schaffung von Arbeitsplätzen eine Hauptaufgabe.”
Petra Franke organisiert, vernetzt, akquiriert. Kümmert sich um die Zeitung, um Projekte und Fördermittel, bereitet die nächste Einwohnerumfrage vor. Und schaut zwischendurch ab und an in den Japanischen Garten vor ihrem Fenster. „Er ist gut für das Quartier, einfach was Schönes, auf das man gucken kann.” Man hat sich auch um die Verbreitung der japanischen Kultur bemüht. Sogar mit einer Teezeremonie. Mit der langwierigen, komplizierten Prozedur konnten die Bewohner aber nicht viel anfangen. Kontemplation, Meditation, innere Wahrheit. In Leinefelde wird auch meditiert, aber wohl eher in Wohnzimmern. Und dort kommt man womöglich zu anderen inneren Wahrheiten.
Die Leinefelder haben sich an ihr Juwel genauso wie an die Delegationen gewöhnt. Aber mit ihrem Leben scheint es nicht viel zu tun zu haben. „Ganz schön, so von außen”, sagt Werner K. Der Taxifahrer wohnt seit 1977 in der Südstadt, allerdings ist er nicht immer Taxi gefahren. Zwölf Jahre hat er als Schichtmeister im Zementwerk gearbeitet, bis zur Wende. Danach war sein Job weg. Und nein, er war noch nie im Japanischen Garten. Werner K. wartet am Taxistand auf neue Kunden — wie der Bäcker in seinem Laden. Bürgermeister Reinhardt kümmert sich um die Festgäste. Die Japaner klettern in den Bus zum Hotel. Petra Franke erledigt die letzten Telefonate für heute. Frau S. ist mit Enkelin Maria nach Hause gegangen. Sie wird sich wieder über Hundehaufen ärgern und über den Blick auf den Garten freuen. Es nieselt nicht mehr, endlich ist die Sonne herausgekommen.
Rot, Orange, Gelb, Braun, Ocker, Grün. Blauregen. Schattengrün. Japanische Azalee. Darunter Leinefelder Geschichte.
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