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Ulrike Steglich
Brothers in Arms

Pädagogik im Brandenburger Regionalexpress


„Nick, lass das.” Nick lässt es nicht, er wälzt sich weiter schreiend auf dem Boden. „Ssluss, Nick.” Die Frauenstimme bläkt von schräg hinten, mit veritablem s-Fehler, gelangweilt und halbherzig. Nichts, was Nick genug Anlass gäbe, mit dem Schreien und Wälzen aufzuhören.
Der Regionalzug fährt durch die letzten Brandenburger Zipfel auf Berlin zu, draußen strahlt die Frühabendsonne. Drinnen ist die Hölle los. Der Zug ist hoffnungslos überfüllt mit Ausflüglern und Fahrrädern, wie es an einem spätsommerlichen Samstag bei schönem Wetter üblich ist. Hinter mir schreit der sich wälzende Nick, ein blonder übergewichtiger Dreijähriger. Vor mir leistet der etwa gleichaltrige Leon solidarischen Beistand: Auch er schreit und quengelt und hat sich für den Fußboden entschieden. Der Anlass hierfür ist ein Marmeladenbrot, dass seine Mutter ihm verweigert, während sein großer Bruder gerade eines kaut. „Nein, Leon, du hattest schon ein Marmeladenbrot. Du darfst noch eine Möhre essen.” Die Mutter hat einen Beutel mit Möhren auf dem Schoß, einen Möhrenschäler in der Hand und schält Karotten ab. Das Brot, das Messer und das Marmeladenglas hat sie inzwischen wieder verstaut. Vermutlich wird sie gleich einen Gemüsepürierstab oder eine Saftmaschine zücken.
Leon interessieren keine geschälten Möhren. Er will ein Marmeladenbrot und bringt das unüberhörbar wimmernd und greinend zum Ausdruck. Die besänftigende Stimme und die pädagogisch wertvollen Sätze erreichen ihn nicht. Nur die anderen Reisenden.

Leon ist ganz offensichtlich das Produkt antiautoritärer Erziehung mit Waldorf-Einschlag, Nick das Produkt gar keiner Erziehung. Seine schwergewichtige Mutter schaut immer mal genervt auf den Mittelgang und droht an, dass „es gleich was gibt”, Leons Mutter bietet mit sanfter, schlaftablettengleicher Stimme Konkreteres an, nämlich immer mal wieder die Möhren, außerdem kramt sie aus ihrem schier unerschöpflichen Gepäck Stifte und Malbücher hervor, Spielkarten und Bilderbücher. Leon und Nick bläken ungerührt.

Der Zug hat Verspätung: erst eine Baustelle, dann „Signalstörungen”.

Eberswalde. Ein Trupp resoluter Mittsechzigerinnen entert das Abteil und fordert selbstbewusst die letzten freien Plätze ein, auf denen die Mitreisenden Reisetaschen verstaut hatten: „Das wird schon gehen.” Sie zücken Kreuzworträtsel und befragen sich quer durchs Abteil: „Dynamik mit vier Buchstaben?” — Tja. NICK böte sich an. Oder LEON.
Nick hat sich inzwischen wieder auf den Platz neben seiner Mutter begeben, drischt lustvoll auf sie ein („Nick, lass das”) und angelt zwischendurch nach den Süßigkeiten auf den Plätzen vor und hinter ihm. Leon hat die Marmelade noch nicht vergessen, aber alle Hoffnung fahren lassen und windet sich wimmernd auf dem Mittelgang. Die Mutter zückt eine Zeitschrift. Wieder hält der Zug auf freier Strecke: „Signalstörung.” 15 Minuten Verspätung.

Bernau. Noch mehr Fahrräder. Nur noch zehn Minuten bis Berlin. Nicks Mutter wälzt sich durch den Gang und schiebt ihren Sohn vor sich her. Sie steigen aus. Es wird ruhiger im Abteil. Sogar sehr ruhig. Leon ist plötzlich verschwunden.
Kurz vor Berlin-Gesundbrunnen. Frische Luft, Ruhe und Erlösung nahen. Wir zwängen uns mit unserem Gepäck durch zahllose Fahrräder zur Tür, da fragt Leons großer Bruder plötzlich, wo eigentlich sein kleiner Bruder geblieben ist.
„Der wird irgendwo da hinten eingeschlafen sein”, antwortet die Mutter gelassen über ihrer pädagogischen Zeitschrift.
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