Ulrike Steglich
Heute kein Roggen

Auf Bücherjagd in Ostberlin, 1983


„Kinderpsychologie”. Der dicke Wälzer steht heute noch in meinem Bücherregal. Ich kaufte ihn, als ich 15 war. Nicht, weil ich Erzieherin werden wollte. Warum ich ihn kaufte und warum ich es bis heute nicht fertig bringe, die Schwarte wenigstens in den Keller zu schaffen, ist in Zeiten allgemeiner Reizüberflutung und regelmäßiger Amazon-Schnäppchen-Werbemails nur schwer zu erklären. Ja, ich war auch mal ein Kind gewesen, interessierte mich für Psychologie und war buchsüchtig. Das reichte offenbar. Ich hortete wie ein Eichhörnchen kurz vor dem Bodenfrost. Psychologen könnten das erklären.

Mangel kann Hunger verursachen und süchtig machen. Es ging in der DDR ja nicht nur um Bananen oder Autoersatzteile. Die Devisen reichten auch vorne und hinten nicht, um selbst ideologisch unbedenkliche Weltliteratur in ausreichend hohen Lizenz-Auflagen zu drucken. Die DDR-Bürger entwickelten sich nicht nur zu vorbildlichen Herdentieren, die sich auch dann geduldig am Ende einer langen Schlange einreihten, wenn noch gar nicht klar war, ob es vorn Kartoffelchips oder Kirschen gab. Sie standen durchaus auch zielgerichtet an: ein altes Foto zeigt eine beeindruckende Wartegemeinschaft, so diszipliniert wie Briten an der Bushaltestelle, vor dem Roten Rathaus, an dessen Fassade ein Schild einen „Bücherbasar” ankündigt. Zu diesem Zeitpunkt gab es immerhin schon zwei DDR-Fernsehsender, die vormittags English for You sendeten, mittags das Testbild und abends nach der Rumpelkammer den Schwarzen Kanal eines gewissen Sudel-Ede, dessen einziger Reiz die Geifer-Spucke im Mundwinkel war. Die Zeitungen brachten endlose Ernteberichte, absurde Ämterauflistungen und üppige Erich-Honecker-Bildstrecken. Das Land süchtelte nach geistiger Nahrung — in Buch- und Plattenläden, Theatern, Kinos.
Ich hatte Glück. In Gestalt eines elf Jahre älteren Bruders, dessen Geliebte Buchhändlerin war. Deshalb richtete ich mir als Kind mein Lieblingsplätzchen vor seinem gut gefüllten Bücherregal ein. Da fand ich auch Salingers „Fänger im Roggen”. Ich war zwölf Jahre alt und drei Tage lang für das Diesseits nicht mehr zu sprechen.

Im Osten war das Jagen kein Privileg der Männer. Längst war aus dem still in der Ecke Bücher verschlingenden Kind eine manisch getriebene Bücherjägerin geworden, denn auch die großen Brüder ziehen irgendwann mal aus. Die Entzugserscheinungen wurden schlimmer. In der Bibliothek klauen war eine Option, allerdings eine moralisch belastete. Schließlich fraß man damit auch anderen Hungrigen das Futter weg. Kopieren auf stinkenden Ormig-Maschinen blieb Betrieben mit ordentlicher Aufsicht vorbehalten. Meine Lieblingserzählung von Salinger hatte ich deshalb aus Besessenheit noch mit der Hand abgeschrieben — aber ein ganzer Roman?

Drei Jahre nach meinem ersten Streifzug mit Holden Caulfield durchs winterliche New York kündigte der Volk-und-Welt-Verlag endlich eine Neuauflage an. Fortan belagerte ich meine Wohngebietsbuchhandlung noch hartnäckiger als sonst. Täglich stattete ich ihr einen Besuch ab und nervte die beiden Buchhändlerinnen mit der Frage, ob der „Fänger im Roggen” schon da sei. Von Februar bis Juli. Jeden Tag. Ich machte mich zum Löffel, aber es war egal. Ich weiß nicht mehr, warum ich dann diesen einen Julitag versäumte. Ich weiß nur noch, wie es sich anfühlte, als das Herz sehr, sehr tief und mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit in die Magengrube stürzte. Das war, als die Verkäuferin sanft sagte: „Ja, gestern war es da. Zwei Stück.” Meine Kiezbuchhandlung diente einem Gebiet mit zehntausenden Hochhaus-Bewohnern. Ich war am Boden zerstört.
Dann schob sie nach: „Aber weil Sie jeden Tag hier waren, haben wir Ihnen ein Exemplar aufgehoben.”

Ich habe nie an Jesus geglaubt. Es reichte in diesem Moment, an Buchhändlerinnen zu glauben. Ich schwebte mit dem Druckwerk, das sie aus dem Hinterraum geholt hatte, zur Kasse und zahlte sieben Mark achtzig. Es hatte einen braunen Umschlag über dem Leineneinband und war auf miesestem Klopapier gedruckt. Und ich fragte mich, ob es nicht vielleicht doch ein richtiges Leben im falschen geben kann.

Geschichte wiederholt sich als Farce. Der Luxus, von dem meine Freunde und ich damals träumten, war: einmal mit hundert Westmark in einem Westberliner Buch- und Plattenladen zu stehen. Wir phantasierten, damit die Läden leer zu kaufen.
Die Mauer fiel, wieder standen die Ostler Schlange, diesmal vor westdeutschen Banken, und mit den 100 Mark Begrüßungsgeld marschierte ich umgehend in einen Buchladen.
Das Vergnügen dauerte keine halbe Stunde. Ich war nicht am Boden zerstört: meine Bücherseele war atomisiert.
Es war alles da.
Es war nicht nur alles da, sondern es war auch noch zum Luxusgut geworden. Ich konnte dieses Land nicht leiden.
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