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Ulrike Steglich
Leerlauf in Lauchhammer

Nach dem Ende des Bergbaus in dem ostdeutschen Städtchen sind viele weggezogen. Sigrid K. und Simone H. blieben


Zwei Gleise, ein Bahnsteig. Darauf eine Bank unter Plexiglasdach, ein Fahrkartenautomat, eine Uhr, ein Kasten mit Fahrplan. Sonst nichts. Kein Kaffeeausschank, kein Zeitungsladen, kein Schalter, der Wartesaal ist seit Jahren zugemauert. Der Bahnhof von Lauchhammer sieht so verlassen aus, als würden morgen die Gleise demontiert.

Der Bahnhofsvorplatz ist leer. Längst haben es Taxifahrer aufgegeben, hier auf Kunden zu warten. Auch an der Bushaltestelle steht niemand. Der Bus fährt erst wieder in einer halben Stunde. Am demolierten Wartehäuschen haben sich Jugendliche den Frust von der Seele geschrieben: „Lauchhammer ist scheiße.“ „Lauchhammer ist klein und fein und lässt nur noch Idioten rein“.

„Ohne Auto geht hier gar nichts“, sagt Simone H. „Wenn ich mit den Kindern mal ins Kino will, muss ich nach Senftenberg.“

Simone wohnt wie ihre Mutter Sigrid in Lauchhammer Ost, das ist ziemlich weit vom Bahnhof entfernt. Lauchhammer, die einstige stolze Bergarbeiter-Stadt in der Lausitz, zerbröselt in einzelne Stadtteile: Mitte, Süd, West, Nord, Ost. Ein wirkliches Zentrum gibt es nicht mehr – bis zur Wende war die Kohle das Zentrum. Aus dem Busfenster sieht man riesige, planierte Brachen, die zwischen den Stadtteilen gähnen und auf denen früher mal Fabriken standen. Die Stadt ist zerrissen durch das, was sie einst zusammenhielt: die Arbeit, die inzwischen abhanden gekommen ist.

Lauchhammer ist grau, war es schon immer. Aber damals war das Grau nicht hoffnungslos, sondern selbstverständlich: Kohlegrau. Wer in der Kohle arbeitete, verdiente ordentlich und war was. Teil einer großen Familie. 24.000 Menschen lebten in den 80ern hier. Jetzt sind es nicht mal mehr 19.000: Wer andernorts Arbeit findet, geht weg. In Simones Nachbarschaft stehen etliche leere Fünfgeschosser mit zerbrochenen Fenstern.
Sigrid K. und Simone H. sind zwei von jenen, die noch da sind. Sigrid, die Mutter, ist nie fort gegangen, Simone, die Tochter, ist wieder zurückgekommen.

Simone fädelt am Küchentisch einen Tabakstick in die Zigarettenhülse. Die Küche ist klein, voller Pflanzen, angepinnter Kinderkritzeleien, Erinnerungsstücke auf den Regalen. Simone H. ist 35, eine schöne Frau, langes, flüchtig aufgestecktes Haar, schmales Gesicht, große Augen, schlichte Baumwollsachen. „Klamotten leiste ich mir längst nicht mehr. Sachen für die Kinder gehen vor, Stifte für den Jungen und so.“ Der Siebenjährige ist gerade in der Schule. Die fünfjährige Tochter hat Simone ins Kinderzimmer geschickt, dort sieht sie Super RTL. Es ist selten, dass ihre Mutter sich einmal mit einem anderen Erwachsenen unterhalten kann. Simone Hahn ist arbeitslos, seit sieben Jahren.

Nur ein paar Meter weiter steht Simones Mutter Sigrid in der Küche ihres Gaststübchens und unterhält sich mit ihrer Schwester. Das Gaststübchen ist liebevoll dekoriert, der Tresen blitzt, die Küche ist sauber aufgeräumt. Es gibt Riesenschnitzel, Bratkartoffelgebirge, Sülze, saure Eier, Hausmannskost in üppigen Portionen, alles mit frischem Salat, alle Gerichte unter vier Euro. Es ist Mittagszeit. Aber es ist kein Mensch da. Wer weiß, wie oft Sigrid heute schon ihren Tresen gewienert hat. Er ist noch nicht ganz abbezahlt. Es ist still im Stübchen. Nur ein Spielautomat erinnert von Zeit zu Zeit leise dudelnd an seine Existenz.
Noch vor sechs Jahren hat Sigrid täglich 50 Eier allein für den Eiersalat gekocht. Wie vor sechs Jahren steht sie immer noch von 7 bis 22 Uhr in ihrem Stübchen. Umsatz macht sie bestenfalls mittags zwischen elf und eins.
Es ist zu viel Leerlauf für zwei Frauen, die noch vor sechs Jahren kaum Freizeit hatten. Ganz zu schweigen von Zeiten, wo die Mutter die Tochter einstellen konnte, weil der Laden florierte.

Sie waren beide aufgebrochen nach der Wende. Simone hatte erst Schuhmacherin gelernt und dann – weil sie den Leim nicht vertrug - Maschinistin in der Braunkohle, dort verdient sie ganz gut. Gleich nach dem Mauerfall geht sie nach Westberlin, weg aus dem kohlegrauen Lauchhammer. „Als Maschinistin wäre ich als erste arbeitslos geworden.“ Und es gibt plötzlich so viele Möglichkeiten. Der Westen ist faszinierend bunt, Simone ist gerade 19. Sie jobbt in Cafés, genießt das Nachtleben, die Clubs, in denen man unbeschwert tanzen kann, die Szene, ihre Jugend. „Über Geld habe ich mir keinen Kopf gemacht.“ 1997 die erste Schwangerschaft. Sie kehrt erstmal nach Lauchhammer zurück, „zu Mutti“.
Sigrid K. hat vier Töchter großgezogen und als Reinemachefrau im Arbeiterwohnheim gearbeitet. Sie ist das Anpacken gewohnt und bescheiden bis in ihre Träume: als junges Mädchen wäre sie gern Kellnerin geworden. Das Leben sah anderes vor. Nach der Wende setzt sich die inzwischen 40-Jährige noch einmal auf die Schulbank, drei Jahre dauert die Ausbildung zur Restaurantfachfrau. Sie nimmt einen Kredit auf, kauft 1995 das Häuschen in Lauchhammer-Ost, im Erdgeschoss die Gaststube, darüber die Wohnung. Die Lage ist ideal: gleich um die Ecke eine Fortbildungseinrichtung und ein kleiner Gewerbehof, die Umschüler und ABMler schätzen ihr gutes wie preiswertes Essen. Es gibt noch viele Umschulungen und ABM, gegen Ende der 90er. Es läuft so gut, dass sie ihre Tochter einstellen kann.
Als das Kind da ist, folgt Simone ihrem Freund nach Kassel, sitzt dort mit dem Baby zu Hause. Zwei Jahre später das zweite Kind. Keine Betreuungsplätze, keine Arbeit, Beziehungskrisen. Es folgt eine Odyssee: Kassel, Berlin, Würzburg, bis sie 2000 nach der Trennung mit den beiden Kindern endgültig wieder nach Lauchhammer zurückkehrt. Doch Maschinistinnen werden nicht mehr gebraucht. Lauchhammer hat sein altes Kohleherz verloren. Es wurde einfach abgewickelt.
Und auch das Stübchen gibt keine Anstellung mehr her. In den Umsätzen schlägt sich die wachsende Arbeitslosigkeit und Abwanderung nieder. Euro, Netto, Hartz IV: Stationen eines schleichenden Niedergangs. „Seitdem ist eigentlich alles kaputtgegangen“, sagt Simone. Eine nüchterne Feststellung.

Die Euro-Einführung ist ein gravierender Einschnitt - die Leute sind unsicher, halten ihr Geld zusammen, kaufen ihren Pausenimbiss nun im „Netto“, dem alles dominierenden Discounter. Außerdem gibt es immer weniger Umschulungen und ABM. Seit Hartz IV sparen die Gäste auch das Bierchen bei „Sigi“ ein, trinken das Netto-Bier vorm Fernseher oder der Datsche.

Sigrid K. ist keine, die schnell aufgibt. Als das Geschäft schlechter läuft, kämpfen Mutter und Tochter, um den Laden durch die Krise zu bringen. Nebenan im Gärtchen ziehen sie Gemüse. sie sammeln Schrott und verkaufen ihn, sie ziehen Plaste von Kabeln ab, eine Tonne Schrott gegen zehn Euro. Sie tragen Werbeprospekte und Kataloge aus, das Zubrot hilft, die monatlichen Kreditraten aufzubringen. 2003 üben sich beide noch in Optimismus. Eine Krankenversicherung hat Sigrid K. da schon längst nicht mehr.

Simone rackert mit, auch ohne Geld. „Wegen Mutti.“ Familien müssen zusammenhalten. „Am Anfang konnte man noch drüben im Stübchen viel mitmachen, Kataloge austragen, man war immer beschäftigt.“ Aber mit der Zeit gibt es immer weniger zu tun, sitz sie immer öfter in ihrer Küche, allein mit dem Radio. Umschulungen bekommt sie nicht. „Also soll ich mich im Westen bewerben. Also müsste ich wieder meine Kinder aus allem rausreißen: aus der Schule, dem Kindergarten. Es kann doch nicht sein, dass wir alle immer nur gehen müssen. Und irgendwann hassen die uns dort, weil es dann heißt, dass wir ihnen die Arbeit wegnehmen.“ Sie hat sich gefreut, als sie einen Ein-Euro-Job an einer Schule bekam. Auch das ist jetzt vorbei: Man hat ihr mitgeteilt, dass diese Jobs nur noch die unter 25-Jährigen kriegen. Als Lehrstellenersatz. Simone H. ist zehn Jahre zu alt.

„Ich will ja nicht immer nur weggehen. Ich würde eigentlich gern hier was schaffen. Zeigen, dass ich vielleicht doch was kann.“ Im Radio läuft Green Day, „Boulevard of broken dreams“, ausgerechnet. Sie stopft sich eine neue Zigarette – der einzige Luxus, den sie sich noch leistet -, zündet sie an mit dem Feuerzeug, auf dem Mäc Geiz steht. Sie ist seit anderthalb Jahren abends nicht mehr ausgegangen, in diesem Jahr muss sie ihrer Tochter einen Schulranzen kaufen. Sie verzichtet auf fast alles inzwischen, aber der Kühlschrank muss voll sein: für die Kinder. Es ist fast wie eine Manie. Es hört sich nach Kriegsnotstand an und Panik.
Sie versteht vieles nicht mehr und hat viele Fragen, die sie gern mal einem Politiker stellen würde, aber es ist keiner von ihnen da, der zuhört oder gar antwortet. Sie redet viel mit sich selbst. Wenn sie etwas als ungerecht empfindet, weint sie. Sie weint oft. Sie erzählt, dass sie in ihrem Kopf Filme dreht, in denen die Geschichten gut ausgehen. Depressionen sind in Lauchhammer längst kein Grund mehr, zum Arzt zu gehen. Eher flächendeckender Normalzustand.
Sie hat einen Herzschrittmacher, es ist ihr peinlich, sie hat Rückenschmerzen und geht nicht zum Arzt, um die Praxisgebühr zu sparen. Der Schulranzen, die Stifte.

Die Uhr tickt, das Radio läuft.
„Ich bin ja eigentlich nur so ein kleiner Fisch. Aber die Menschen, die dreißig Jahre lang gearbeitet haben und dann auf einmal so abserviert werden, die hier so zugrunde gehen und an nichts mehr glauben … Die wollen ja arbeiten. Das ist so schlimm geworden, hier springen sie aus dem Fenster, weil sie nicht mehr können. Weil sie ihre Familien nicht mehr unterstützen können. Gerade Männer, weil irgendwann das Selbstwertgefühl flöten geht. Die Menschen hier sind am Ende, die sind kaputt. Die Mutti ist genauso am Ende.“
Inzwischen ist auch noch der Werbeprospekte-Job weggebrochen, der Auftraggeber sprach von „Umstrukturierungsmaßnahmen“, vermutlich ist er pleite. Seitdem wartet Sigrid K. auf den noch ausstehenden Lohn. Das Gaststübchen ist leer. Der Spielautomat dudelt, aber es ist niemand da, der sich dafür interessieren könnte. Der Tresen ist blitzblank und überflüssig. „Eigentlich“, sagt Sigrid K. in ihrer tadellos aufgeräumten Küche, „müsste man hier eine Suppenküche aufmachen. - Aber da müsste man ja auch wieder investieren.“

Im gleichen Monat, in dem sie ihr zehnjähriges Jubiläum als Selbständige hatte, musste sie Konkurs anmelden. Zu wenig Umsatz, um die Rechnungen und die Schulden zu zahlen. Ein paar Monate zuvor ist ihr Mann gestorben, er war Alkoholiker. Die Bank hat vorsorglich auf die drohende Zwangsversteigerung des Hauses hingewiesen.
Zwei ihrer vier Töchter leben inzwischen im Westen. Sigrid K. weiß, dass sie mit ihren 55 Jahren keinen Job mehr kriegen wird. Sie hat gearbeitet, seit sie 14 war. 41 Jahre lang.

Simone wischt sich über das Gesicht. Schweigen in der Küche, das Ticken der Uhr. „Ich bin 35, und das kann es doch nicht gewesen sein. Man weiß nicht mehr, wo man anfangen soll. Wenn man den Anfang nicht gebacken kriegt … Man muss immer was am Anfang haben. Wenn es dann nicht mehr klappt, ist es vorbei. Und ich will nicht, dass es bei mir vorbei ist.“

Durch die kaputten Fenster des Bushäuschens pfeift der Wind. Der Bus kommt erst wieder in einer halben Stunde vorbei.
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