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Ulrike Steglich
Zwei Monde

Von der Magie hellblauer Ohrenschützer


Seit kurzem klebt an meinem Fenster ein Sichelmond. Er leuchtet zuverlässig, selbst wenn draußen der Himmel nahtlos vom nachmittäglichen Dunkelgrau ins nächtliche Schwarz überblendet. Manchmal, wenn es aufklart, strahlt plötzlich der echte Vollmond neben meinem fluoreszierenden Sichelmond. Dann glaube ich, dass sich beide über meinem Berliner Himmel grüßen.
Leo, der Sichelmondstifter, schläft längst und sieht das nicht. Er liegt quer im Bett, den kleinen Körper zusammengerollt, die Augen fest geschlossen, manchmal flattern die Lider, geheimnisvolle Träume durchkreuzen den kleinen Quadratschädel. Leo hat seinen Lieblingsschlafanzug an, schwarz mit einem weißen Skelett darauf. Keine Ahnung, woher Siebenjährige diese Lust am Morbiden haben. Auf dem Kopf hat Leo hellblaue plüschige Ohrschützer.
Ich habe noch nie ein Kind gesehen, das mit einem schwarzen Skelett-Schlafanzug und hellblauen Ohrenschützern schläft. Aber ich kannte zuvor auch noch keinen Siebenjährigen, dessen sehnlichster Weihnachtswunsch ein paar Ohrenschützer waren.
Nur: Wo bekommt man Ohrenschützer für Siebenjährige her? Das Internet hilft: Ein Hutgeschäft hat blaue Plüsch-Ohrenschützer für Kinder, außerdem bügellose mit einem Elch drauf. Zusendung innerhalb von drei Tagen. - Die Zusendung kommt. Ein riesiges Paket, in dem man eine zwölfbändige Enzyklopädie vermuten könnte, wäre es nicht federleicht. Drinnen liegen in einem Eckchen Modell Plüsch-hellblau-Bügel sowie die Ohrenschalen Elch, ohne Bügel. Ich betäube mein schlechtes Gewissen mit der gespannten Erwartung der Reaktion. Ich weiß nicht genau, was Leo sich von Ohrenschützern erwartet.
Die bügellosen Elche machen ihn eher ratlos. Es ist kompliziert, man muss sie sich direkt auf die Ohren stecken. Aber der hellblaue Plüsch scheint die Erfüllung seiner Träume zu sein. Er setzt die Ohrenschützer nicht mehr ab. Er trägt sie zum Skelett-Schlafanzug oder zum Mainz-05-Trikot, er stülpt sie als Krönung über zwei Mützen plus einem wollenen Stirnband. Die Leute müssen seine Mutter für eine meschuggene Hypochonderin halten, die ihr Kind bis zur Unkenntlichkeit einmummt. Was ein Hypochonder ist, ist dem selbstvermummten Kind wurscht. Mir ist dann auch wurscht, wofür mich die Leute halten. Ich staune über die Magie hellblauer plüschiger Ohrenschützer.
Ich kann dich nicht hören, sagt Leo. Was nicht verwunderlich ist unter zwei Mützen, Stirnband und Ohrenschützern. Meine Vermutung war ja, dass die Kopfschützer Leo vor allem vor dem bösen Wort „Aufräumen” schützen sollen. Aber wer behauptet, seine Kinder wirklich zu kennen, lügt. Man kann es nur versuchen. Wenn ich ab und an den Verdacht habe, dass Leo schwindelt, schauen wir uns in die Augen. Erst werden seine Augen lachende schmale Schlitze, die sich aus dem Blickduell davonstehlen - bis sich der ganze kleine Quadratschädel zu einem breiten Grinsen verzieht. Dann wissen wir beide Bescheid. Das Kind lebt nicht mehr im Glauben an den Weihnachtsmann, aber immer noch im Glauben an meinen Röntgenblick.
Abends pappt Leo mit seinen hellplüschblauen Ohrenschützern den einsamen Sichelmond auf mein Schlafzimmerfenster. Verkündet, dass er jetzt kuscheln geht, „mit einer gewissen Mama”. Dämmert weg. Sein Lieblingslied hört er nicht mehr, Johnny Cash singt den „Highwayman” in die Dunkelheit. Die Monde scheinen auf ein merkwürdiges Kind mit merkwürdiger Bekleidung und merkwürdiger Wortwahl.
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